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Die Schweiz lebt auf zu grossem Fuss

Die Schweiz lebt auf zu grossem FussDie Menschheit verbraucht zu viel von der Erde. Auch der ökologische Fussabdruck der Schweiz ist weitaus grösser, als es die Ressourcen des Landes eigentlich erlauben. Deshalb wird vieles aus anderen Ländern importiert. Doch auf globaler Ebene bräuchte es bis 2030 einen zweiten Planeten, um das Gleiche zu tun.

Die Schweizer Bevölkerung verbraucht weit mehr Waren und Güter, als das Land selbst nachhaltig produzieren kann. Der ökologische Fussabdruck des Landes beträgt derzeit rund fünf globale Hektar (gha, Erläuterung weiter unten) pro Person. Im Jahr 2002 waren es noch 4,7 gha. Dagegen ist die nachhaltige Biokapazität des Landes gesunken. Sie beträgt nun noch 1,2 gha pro Kopf, im Vergleich zu 1,6 vor gut zehn Jahren. Diese Daten zum ökologischen Fussabdruck der Schweiz publiziert das Bundesamt für Statistik. Es hat auch die Studie «Der ökologische Fussabdruck der Schweiz» erstellt. Dabei stützt es sich auf das entsprechende Konzept des Global Footprint Network. Die Daten für die Schweiz wurden überprüft und anschliessend auf dieser Basis die Studie erstellt. Künftig übernimmt das Global Footprint Network zudem Schweizer Statistiken.

Der ökologische Fussabdruck misst, welche ökologische Produktionsfläche eine Region, ein Land oder die ganze Menschheit braucht, um ihre eigenen Bedürfnisse zu decken und die Abfälle zu neutralisieren. Dazu wird der Verbrauch an natürlichen Ressourcen für die Nahrungsmittel- und Fasernproduktion sowie die CO2-Absorbierung in die produktive Fläche umgerechnet, die für ihre erneuerbare Erzeugung oder Emissionsabsorption notwendig ist. Der ökologische Fussabdruck übersetzt damit unterschiedliche Konsumformen in ihren Flächenbedarf. Die Messgrösse gibt in globalen Hektaren die Fläche an, welche für die Produktion der verbrauchten Ressourcen notwendig wäre. Der «globale Hektar» (gha) ist dabei ein Hektar Fläche, für welche die durchschnittliche weltweite Produktivität angenommen wird.

 

Importe statt Selbstversorgung

Das Missverhältnis zwischen Verbrauch und Produktion besteht für die Schweiz in nahezu allen untersuchten Bereichen und wird im Ausland kompensiert. Dies geschieht über die Einfuhr von natürlichen Ressourcen aus anderen Ländern und den Export von Abfallstoffen wie Kohlendioxid in fremde Lufträume. Nur deshalb ist es der Schweiz möglich, das heutige Konsumniveau zu realisieren, ohne das eigene Naturkapital drastisch zu übernutzen. Allerdings ist diese Strategie nicht nachhaltig: Die Schweiz konsumiert rund dreimal mehr Umweltleistungen und -ressourcen als die global und nachhaltig verfügbaren 1,8 gha pro Person.

Hauptursache für den Überverbrauch der Schweiz ist der Einsatz fossiler Energieträger. Er allein macht 65 Prozent des ökologischen Fussabdrucks des Landes aus und ist weit bedeutender als alle anderen Bereiche. Ausserdem ist sein Anteil am ökologischen Fussabdruck jener, der in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten gewachsen ist. Mit 32 Prozent ist jedoch auch der Bedarf an Acker-, Wald- und Weideland wichtig. Auch dieser Anteil ist gewachsen; 2002 lag er erst bei 26 Prozent. Der ökologische Fussabdruck beim Ackerbau entspricht der Fläche, die notwendig ist, um den Verbrauch von 85 verschiedenen Ackerfrüchten und verarbeiteten Agrarprodukten zu decken. Der Fussabdruck pro Kopf beträgt hier 0,5 gha, die Biokapazität des Landes aber nur 0,3 gha. Deshalb kann sich die Schweizer Bevölkerung nicht selbst mit Ackerbaufrüchten versorgen. Der Grossteil der somit im Ausland beanspruchten Ackerflächen liegt in den EU-Ländern. Nennenswerte Importe kommen aber auch aus Nord- und Südamerika.

 

Menschheit verbraucht Erde zu rasch

Der schweizerische Fussabdruck liegt im Durchschnitt der westeuropäischen Länder. Die Vereinigten Staaten und einige europäische Länder verbrauchen jedoch das Vierfache der weltweit verfügbaren Biokapazitäten. In vielen Ländern Südostasiens und Afrikas liegt der Verbrauch dagegen deutlich unter dem Weltdurchschnitt. Seit Mitte der 80er-Jahre ist der ökologische Fussabdruck der Menschheit grösser als die weltweite Biokapazität. Seither verbraucht der Mensch das Naturkapital der Erde schneller, als es sich regenerieren kann. Vor allem der Energieverbrauch hat sich in den letzten vierzig Jahren verzehnfacht. Allerdings misst der ökologische Fussabdruck nicht alles und kann deshalb nicht als vollumfänglicher Nachhaltigkeitsindikator angesehen werden. Er lässt Gesellschaft und Wirtschaft ausser Acht. Ausserdem misst er den Fluss und nicht den Bestand an natürlichen Ressourcen. Der Verlust von Lebensraum, von erneuerbaren oder nicht erneuerbaren natürlichen Ressourcen sowie von Biodiversität, der Süsswasserverbrauch oder die Umweltbelastung durch Schwermetalle und durch die Emission schwer abbaubarer Schadstoffe fliessen nicht in den Indikator ein.

Aus der Untersuchung lassen sich mehrere Schlüsse für künftig notwendige Entwicklungsschritte ableiten. Global gesehen gilt es den ökologischen Fussabdruck der Menschheit zu verkleinern, ohne dass man den Ländern des Südens das Recht auf eine weitere Entwicklung nimmt. Der ideale Weg dahin ist eine effizientere Nutzung der Ressourcen. Ausserdem müssen nicht erneuerbare Ressourcen, allen voran fossile Energieträger, durch erneuerbare ersetzt werden. Heute werden gerade die nicht erneuerbaren volkswirtschaftlich gesehen zu billig verkauft. Deshalb fehlt ein genügend starker Anreiz, sie besser auszunutzen oder zu ersetzen.

 

Markt braucht mehr Steuerungsimpulse zum Umlenken

Um den zur Verfügung stehenden Technologien zum Durchbruch zu verhelfen, sind verschiedenste Akteure gefordert. Auf politischer Ebene nehmen marktwirtschaftliche Instrumente eine zentrale Rolle ein. Mit Abgaben und Zertifikatssystemen könnten dem Markt die richtigen Preissignale gegeben werden, damit Hersteller und Verbraucher die Ressourcen effizienter nutzen und erneuerbare Energien einsetzen. Das würde auch das Interesse der Forschung an der Entwicklung von effizienteren Technologien und an erneuerbaren Ressourcen fördern. Im Rahmen von Handelsvereinbarungen der WTO werden mittlerweile auch spezifische umweltrelevante Handelsfragen erörtert. Ziel ist es, die WTO-Regeln und den Handel mit Gütern und Dienstleistungen so zu gestalten, dass ein effizienter Schutz und die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen möglich werden. Schliesslich nimmt auch das Bevölkerungswachstum Einfluss auf den ökologischen Fussabdruck. Dieser ist zwar global gesehen noch gering, weil das Bevölkerungswachstum in den ärmsten Regionen mit dem kleinsten Fussabdruck pro Kopf am grössten ist.

Allerdings wird sich das ändern, sollten diese Länder wirtschaftlich prosperieren. Daher ist es für die Studienautoren nicht nur aus Gründen der globalen Gerechtigkeit, sondern auch aus ökologischer Perspektive wichtig, armen Regionen Entwicklungsperspektiven und materielle Sicherheiten zu geben. Damit liesse sich dem Bevölkerungswachstum Einhalt gebieten und die lokal drohende Übernutzung der Umwelt verhindern. Bleiben alle bisherigen Trends aber intakt, brauchen die Menschen bis Mitte 2030 zwei Planeten anstatt nur einem, prognostiziert der «Living Planet Report 2010».

Alexander Saheb

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