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Quo vadis, eHealth?

Quo vadis, eHealth? Leistungserbringer, Patienten, Kassen, Behörden und weitere Akteure im Gesundheitswesen rücken immer näher zusammen. Das Ziel ist klar: durch Digitalisierung und Vernetzung die Qualität zu fördern, Prozesse zu optimieren und mehr Kostentransparenz zu erreichen. Mit dem Barometer wurde erstmals die eHealth-Umsetzung gemessen.

(jh) Gleich vorweg: Die eHealth-Instrumente werden in der Schweiz sehr unterschiedlich genutzt. So verwenden 62 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Krankenhäuser ein Klinikinformationssystem (KIS).

Allerdings haben 29 Prozent ein KIS in Planung. 60 Prozent nutzen ein Bildarchiv-und -kommunikationssystem zur Speicherung von radiologischen Bildern und Testergebnissen. 38 Prozent wickeln ihre Kostengutsprache mit den Krankenversicherern elektronisch ab.

Laut der Umfrage verfügen 49 Prozent der Ärzte über einen elektronischen Zugang zu Laborbefunden. Im Vergleich zur Laborvernetzung fallen die anderen eHealth-Werte eher bescheiden aus. Nur 11 Prozent übermitteln die Verschreibungsinformationen an die Apotheken. Über Systeme zur Entscheidungsunterstützung (Diagnose) verfügen 11 Prozent der Befragten, nur 7 Prozent über Möglichkeiten von Telemonitoring für Patienten. Systeme zur elektronischen Abwicklung der Nachbetreuung und Nachversorgung setzen nur 4 Prozent der befragten Ärzteschaft ein.

Hürden und andere Stolpersteine
Die Ergebnisse der ersten eHealth-Umfrage sind beängstigend. Allein die Tatsache, dass gerade mal 18 Prozent der Ärzteschaft von der eHealth-Strategie gehört haben, ist bedenklich. Dabei existiert doch eine vom Bundesrat verabschiedete und vom Koordinationsgremium genehmigte eHealth-Strategie. Von Seiten der Ärzteschaft bestehen grosse Vorbehalte, ob die Strategie den gewünschten Nutzen bringt und ob die Umsetzungsorgane auch über die notwendigen Kompetenzen verfügen. Die Auseinandersetzung mit eHealth erfolgt bei der Ärzteschaft eher oberflächlich. Für viele ist es ein diffuser Begriff von Informatik im Gesundheitswesen, der noch wenig mit konkreten Hoffnungen oder Erwartungen untermauert ist, so die Studie. Wesentlich besser verankert sind eHealth-Projekte in den Spitälern, die vor allem im Hinblick auf Swiss DRG (Swiss Diagnosis Related Groups – Tarifsystem für stationäre akutsomatische Spitalleistungen) aufrüsten. Auffällig ist das geringe Vertrauen in die einzelnen Akteure wie FMH (Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte), Kantone, Bund, Industrie, aber vor allem in die Krankenversicherer. Ausser der FMH (6,4) erreicht innerhalb der Ärzteschaft keine Organisation Mittelwerte beim Vertrauen von über 5. Die Skala reicht von 0 (kein Vertrauen) bis 10 (sehr grosses Vertrauen). Noch einigermassen positiv werden von den Ärzten die privaten Organisationen und Vereine (4,7) beurteilt, besonders schlecht hingegen (jh) Unter eHealth oder elektronischen Gesundheitsdiensten (offizielle Übersetzung der EU) wird der integrierte Einsatz von Informations-und Kommunikationstechnologie (IKT) zur Gestaltung, Unterstützung und Vernetzung aller Prozesse und Akteure im Gesundheitswesen verstanden. Die elektronischen Mittel zum Daten-und Informationsaustausch unterstützen und verbessern die Abläufe und die Vernetzung im Gesundheitswesen. Zu den Gesundheitsdiensten gehören Patienten, Ärzte, Therapeuten, Versicherte, Versicherungen, Labors, Apotheken, Spitäler und Pflegende. Potenzial für eHealth liegt in den Bereichen Abrechnung, Überweisung von Patienten an Spezialärzte oder Spitäler, Verschreibung von Medikamenten oder Therapien sowie Monitoring des Gesundheitszustandes. die Industrie (3,4) und die Krankenver-Lukas Golder vergleicht den Stand des sicherer (1,9). Bei den Spitälern scheint Swiss eHealth-Barometers denn auch demgegenüber das Vertrauen in die mit dem insgesamt durchzogenen Industrie (5,3) und die Krankenversi-Aprilwetter. Bei der Ärzteschaft ist die Vernetzung eher schwach und neu geplant ist wenig. Vor allem grössere Spitäler haben zwar einige ausgewählte Lösungen im Einsatz, aber das Ganze hat noch wenig System

Fördern und vernetzen
Ohne regionale Vernetzung gibt es keine eHealth, so Adrian Schmid, Leiter der Koordinationsstelle eHealth Schweiz. Gemäss Schmid orientiert sich die eHealth-Strategie Schweiz am nachweisbaren Nutzen und nimmt Rücksicht auf die politischen, kulturellen und organisatorischen Besonderheiten der Gesundheitsversorgung in der Schweiz.
Schmid kann es nachvollziehen, dass für viele Ärzte und Spitäler die Umsetzung der eHealth-Strategie in der Schweiz nicht greifbar ist. «Allein kann sich ein Leistungserbringer zwar technisch vorbereiten, indem er bei Neu- oder Ersatzanschaffungen die Empfehlungen der Koordinationsorgane berücksichtigt. Doch für den Datenaustausch braucht es eine Zusammenarbeit in der Versorgungsregion», so Schmid. Positiv zu bewerten ist die Tatsache, dass die Kantone Basel-Stadt, Luzern, St. Gallen, Waadt und Tessin im Bereich der eHealth-Netzwerke wertvolle Pionierarbeit leisten. So ist in Basel-Stadt ein grenzüberschreitendes Telemedizin-Projekt geplant, und der Kanton Luzern hat den elektronischen Datenaustausch für Austritts-berichte zwischen dem Kantonsspital und den Hausärzten eingeführt und die Teleradiologie wird laufend ausgebaut. Auf den gemachten Erfahrungen gilt es nun aufzubauen. Wichtig ist aber bei allen eHealth-Projekten, dass die Ärzteschaft stärker in die eHealth-Bestrebungen mit einbezogen werden muss, zumal das elektronische Patientendossier im Jahr 2015 Realität werden soll.

Standards nutzen und durchsetzen
Die OECD hat Anfang 2010 einen Bericht über die Einführung von Informations-und Kommunikations-Technologien (ICT) in den 30 Mitgliedstaaten veröffentlicht. Auch wenn jedes Land ein eigenes Gesundheitssystem hat, die Probleme sind ähnlich. Ein Begriff taucht immer wieder auf: Standards. Entweder fehlen Standards oder vorhandene Standards werden unterschiedlich umgesetzt. Daher empfiehlt das Koordinationsorgan eHealth Bund–Kantone eine prozessorientierte Standardisierung basierend auf der IHE-Initiative. IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) ist eine internationale Initiative zur Verbesserung des technischen Datenaustausches von IT-Systemen im Gesundheitswesen. Bei IHE geht es nicht darum, neue Standards zu entwickeln, sondern existierende Standards wie DICOM (Digital Imaging and Communications in Medicine), HL7 (Health Level 7) oder GS1 anzuwenden. Technische Rahmenbedingungen beschreiben, wie die existierenden Kommunikationsstandards eingesetzt werden sollen, um einen fehlerfreien Datenaustausch zu ermöglichen. Hinter IHE stehen Ärzte, IT-Experten, internationale Organisationen sowie Hersteller von Medizintechnik-, Analyse-, Operations-und IT-Systemen. Auch alle führenden Hersteller bilderzeugender Systeme gehören dazu. Erster Präsident von IHE Suisse ist Christian Hay (GS1). Die Organisation hat bereits vielfältige Aktivitäten im Visier und dürfte sich positiv auf eine international harmonisierte eHealth-Implementation in der Schweiz auswirken. Lesen Sie dazu auch das Interview auf Seite 60. Das nächste eHealth-Barometer im März 2011 wird zeigen, wie sich die Akzeptanz und die weitere Einführung von eHealth entwickelt haben. Den Vorbehalten gegenüber eHealth kann nur begegnet werden, wenn eine glaubwürdige und auf Kooperation angelegte Bildungsoffensive gestartet wird. Um das Vertrauen aufzubauen, braucht es gemeinsame Kommunikationsanstrengungen.

Joachim Heldt

 

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