gs1-neton-header-08.jpg

Eindeutige Identifikation fördert Effizienz und Innovation

Das Internet der Dinge und Industrie 4.0 machen die eindeutige Identifikation immer wichtiger. Wie die Identifikationsdaten wiederum dargestellt werden, ist laut Daniel Müller, Direktor GS1 System bei GS1 Schweiz, einem steten und technologiegetriebenen Wandel unterworfen. Er unterstreicht das Potenzial, welches GS1 Standards für eine nachhaltige und effiziente Supply Chain haben. Dank der Verbreitung von Smartphones als Scanning Devices unter Endkunden sieht er eine Vielzahl von Möglichkeiten heraufziehen – alle stützen sich auf die GS1 Identifikation.

GS1 network: Der Barcode ist das klassische Identifikationsprodukt von GS1. Gibt es rund um den Barcode und seinen Einsatz besonders wesentliche Veränderungen?
Daniel Müller: Themen wie Digitalisierung oder Industrie 4.0 lassen natürlich die GS1 Welt nicht unberührt. Sie haben Einfluss auf die Identifikation und damit auch auf die Daten, welche dafür massgeblich sind. Das bewegt dann auch den Barcode und moderne 2DSymbologien. Zusätzlich haben RFID, die Smartphones und andere mobile Scanning Devices eine Verbreitung erreicht, die man vor zehn Jahren noch für utopisch gehalten hätte. In den vergangenen 40 Jahren haben wir eine grosse Stabilität in der Entwicklung erlebt: Der EAN/UPC-Code hat sich jahrzehntelang bewährt. In den 1980er- Jahren wurde auf Wunsch der Logistikbranche der GS1-128 geschaffen, später der GS1 DataBar für erweiterte Möglichkeiten am Point of Sale. Und in jüngerer Zeit befasst man sich mit den 2D-Codes wie dem GS1 DataMatrix und dem GS1 QR-Code.

Eine aktuelle und interessante Entwicklung ist zudem der Dotcode, der vor allem drucktechnisch eine Verbesserung darstellt und sich für die Hochgeschwindigkeitsproduktion besser eignet als der DataMatrix. Mit Digimarc, der nur für die Imagescanner sichtbar ist, jedoch nicht für das Auge des Anwenders, steht eine weitere neue Technologie bereit. In Tests in den USA wurde gezeigt, dass der Scanningvorgang mit diesen «digitalen Wasserzeichen» an der Kasse nochmals massiv schneller abgewickelt werden kann. Hier ist aktuell GS1 US Entwicklungsführer; sie haben eine strategische Partnerschaft mit Digimarc angekündigt und untermauern so ihre technologische Vorreiterrolle. Kurz gesagt: Es hat viel Bewegung bei den Datenträgern gegeben und es ist weiter viel Dynamik drin. Allerdings erfüllen auch heute EAN/ UPC-Codes vielerorts ihren Zweck sehr gut und bleiben wohl noch lange dominant.

Im Herbst 2015 hiess es in den Medien: «Der Strichcode ist tot.» Gehört die Zukunft dem GS1 DataBar?
Der GS1 DataBar, als offizieller Datenträger 2014 freigegeben, wird vor allem dann eingesetzt, wenn das Ablaufdatum oder die Rückverfolgbarkeit eine Rolle spielen. Primär stehen dabei die mengenvariablen Frischprodukte im Fokus, da mit den limitierten EAN/ UPC-Symbolen keine globale Identifikation möglich ist. Der GS1 DataBar ermöglicht es beispielsweise, in Supermärkten automatisch die Abschreibung von Preisen auszulösen, wenn ein Produkt sein Mindesthaltbarkeitsdatum zu überschreiten droht. Aus Sicht des Handels gibt es wenig Gründe für Änderungen im System, da dies bisher getätigte Investitionen entwerten könnte.

«Offene Standards statt Insellösungen, das ist die allen Beispielen gemeinsame Erkenntnis.»

Die Pharmabranche hat sich aber rasch mit dem GS1 DataMatrix angefreundet.
Für die Pharmabranche war das recht einfach, weil sie weniger Vorinvestitionen getätigt hat als die Konsumgüterbranche. Ausserdem macht in einigen Staaten der Gesetzgeber Vorgaben für die Rückverfolgbarkeit von Medikamenten und medizinischen Produkten. Die Bekämpfung von Produktefälschungen liegt auch im Interesse der Pharmaproduzenten. Eine ähnliche Entwicklung hat die Tabakbranche gezeigt, wobei auch da der Gesetzgeber die Entwicklung von Rückverfolgbarkeitslösungen sowie Möglichkeiten zur Verhinderung von Schmuggel und Fälschungen fordert. Entsprechend bevorzugt auch diese Branche ein standardbasiertes System.

Gibt es Entwicklungen, die von GS1 getrieben wurden, und andere, welche die Industrie angestossen hat?
Meistens kommen die Anregungen für neue Standards aus der Industrie, die neue technologische Entwicklungen umsetzen möchte. Das schafft oftmals den Wunsch nach einem Standard. Ein anschauliches Beispiel ist die Entwicklung über die CD und DVD zur Blu- Ray-Disk. Da haben sich die Hersteller lieber auf einen Standard geeinigt, als dass jeder sein eigenes System zum Abspielen der Datenträger entwickelt hat. Standards entstehen auf Basis gut bewährter Technologien mit Entwicklungspotenzial. Auch DataMatrix und QR-Code wurden nicht von GS1 erfunden, sondern als bereits bewährte und abgabenfreie ISO-Standards ins GS1 System integriert.

Was sind heute technische Trends, welche die Verbreitung des GS1 Systems fördern?
Identifikationssysteme und Strichcodes oder EDI interessieren die Firmen vor allem deshalb, weil sie Abläufe automatisieren und Prozesse so schneller und sicherer machen. Mit der Vernetzung, Digitalisierung und der massiven Verbreitung von Smartphones ist eine neue Dimension dazugekommen. Vor zehn Jahren konnte sich noch niemand vorstellen, dass jedes Handy gleichzeitig ein kostengünstiger Imagescanner ist und jeder Verbraucher innert Sekunden Produktinformationen abrufen kann und das auch will. Diese Technologien fördern aus meiner Sicht die Verbreitung unseres Systems nicht nur im traditionellen B2B-, sondern neu auch im B2C-Geschäft. In der digitalen Welt ist es noch viel wichtiger, dass ein Produkt wirklich global eindeutig identifiziert ist. Mit GS1 Smartsearch haben wir einen ganz neuen Standard geschaffen, der es erlaubt, Produktstammdaten in einem standardisierten Format zu publizieren. Dies bietet interessante Möglichkeiten für Webshops und Suchmaschinen. Produktinfos von Firmen können beispielsweise vom Web einfach in die eigenen Systeme eingelesen werden. Das Internet und die damit verbundenen Entwicklungen sind ein starker Faktor, der unseren Standards eine grössere Bedeutung verleiht.

«Die verstärkte Vernetzung wird immer öfter eindeutige Schlüssel erfordern, um den Informationsfluss klar strukturieren zu können.»

Welche Branchen könnten von GS1 ID-Systemen noch profitieren?
Die typische Standardanwendung ist natürlich die branchenübergreifend horizontale Lieferkette. GS1 Standards erlauben eine offene Supply Chain, die alle an ihr beteiligten Firmen verstehen. Wer also viele Schnittstellen zu anderen Firmen hat, nutzt mit Vorteil unsere IDSysteme für einen optimalen Warenund Informationsfluss. Ganz neue Möglichkeiten sehe ich mit dem «Internet of Things» in der Industrie. Mit unseren Standards lässt sich die Kommunikation in diesem Netz in Gang halten. Man könnte beispielsweise Investitionsgüter identifizieren und die Servicekommunikation sicherer machen. Vor allem, wenn man an die bedeutend längere Lebensdauer von solchen Produkten denkt, macht ein bewährter Identifikationsstandard Sinn und gibt eine gewisse Investitionssicherheit.

Gibt es dafür schon Projekte mit Modellcharakter?
Einen Anfang mit Modellcharakter hat der Migros-Genossenschafts-Bund gemacht mit der Auszeichnung von Mehrweggebinden. Mehrere hunderttausend Mehrweggebinde wurden mit einem RFID-Tag ausgezeichnet und können nun im Informationssystem verwaltet werden. Das ist doch eine eindrückliche Leistung. Auch die Eisenbahnen nutzen vermehrt GS1 ID-Systeme im Unterhalt von Komponenten und Fahrzeugen. Vor allem versuchen sie das auf internationaler Basis, obwohl sie auf dem Markt in Konkurrenz zueinander stehen. Ferner verbreiten sich unsere Systeme im Gesundheitswesen immer mehr. Es hat Zeit gebraucht bis zur Erkenntnis, dass unsere Standards in dieser komplexen Welt ideal eingesetzt werden können. Offene Standards statt Insellösungen, das ist die allen Beispielen gemeinsame Erkenntnis.

Wie leistet das GS1 System einen Beitrag zur Nachhaltigkeit in der Logistik?
Wenn man es ganz kurz sagen muss: Das GS1 System ist die Sprache, die die Welt vereinfacht. Es vereinfacht die Kommunikation mit Handelspartnern. Es unterstützt die Automatisierung und den Abgleich des Datenflusses mit dem Warenfluss. Das ist ein starker Beitrag zu einer hohen Effizienz in der Supply Chain. Beim Wareneingang muss nur noch die logistische Einheit gescannt werden, alles andere ist schon geschehen. Mit GS1 EDI kann man von der Bestellung bis zur Bezahlung alles automatisieren – «order to cash» heisst das Schlagwort.

«Mit GS1 Smartsearch haben wir einen neuen Standard geschaffen, der es erlaubt, Produktstammdaten in einem standardisierten Format zu publizieren.»

Wie gross ist der Beitrag zur Effizienz in der Logistik, wie gut ist dieser messbar?
Ganz allgemein kann man sagen: Bei manchen Geschäftsvorgängen werden Stamm- und Bewegungsdaten zwischen Bestellung und Bezahlung x-mal manuell erfasst, ausgedruckt und wieder neu erfasst. In durchgängig automatisierten Systemen werden mögliche Fehlerquellen massiv reduziert. Entsprechend hoch ist das Potenzial für Einsparungen. Jedes Unternehmen kann das für sich wohl recht einfach ermitteln.
Die Frage ist, ob man 100 000 Transaktionen zu je 10 Franken will oder eine zu einer Million Franken. Die erste Variante hat ganz klar mehr Optimierungspotenzial.

Was sind aus Ihrer Sicht wichtige Zukunftstrends in der Identifizierung?
Hier muss man zwischen Identifikation mittels optischer Datenträger wie beispielsweise Strichcodes und dem RFIDScanning unterscheiden. Bei Ersterer könnte Digimarc – eine unsichtbar aufgebrachte Produktkennzeichnung, vergleichbar mit einem Wasserzeichen auf Papier – wichtiger werden. Im prognostizierten «Internet of Things» hingegen wird wohl EPC, der RFID-basierte Standard von GS1, stark an Bedeutung gewinnen. Die zunehmende Vernetzung wird immer öfter eindeutige Schlüssel erfordern, um den Informationsfluss klar strukturieren zu können. Ich glaube jedoch nicht, dass es einen Systemumbruch geben wird. Ein alternatives neues System ist erst dann wirklich interessant, wenn es klare Vorteile gegenüber bestehenden Lösungen aufweist und die Ablösung des bestehenden Systems unter dem Strich der gesamten Lieferkette offensichtlich und auch kurzfristig Mehrwert generiert. Scanning direkt durch den Konsumenten könnte ebenfalls einen erheblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung haben, was wiederum die Bedeutung von Identifikation und Stammdaten in den Unternehmen erhöhen dürfte. Dies bietet denn auch neue Chancen für die Wirtschaft, direkt mit dem Verbraucher in Kontakt zu treten oder diesen auf neuen Wegen zu erreichen.

Mit welchen weiteren Themen befasst sich die GS1 Welt aktuell?
Momentan sind wir auf allen Ebenen der GS1 Standardentwicklung gefordert. Sowohl im Waren- als auch im Datenfluss bewegt sich im wahrsten Sinne des Wortes einiges. Eines der wichtigsten Themen für uns und unsere Systemanwender ist sicher GTIN on the Web, mit dem aktuellen Standard GS1 Smartsearch. Das wird uns noch einige Zeit beschäftigen. Auch die Rückverfolgbarkeit nimmt immer mehr an Bedeutung zu. Es geht dabei nicht nur um die Sicherheit, sondern auch um die Versorgung von Konsumenten mit ausführlichen Informationen zum Produkt, wie dessen Inhaltsstoffe, Herstellungsmethode oder Herkunft. Wie geht man aber damit um, wenn die Angaben im Internet und die aufgedruckte Produktauszeichnung nicht mehr genau übereinstimmen, weil beispielsweise der Inhalt und/oder die Produktion leicht verändert wurden? Darüber machen wir uns derzeit Gedanken.

Herr Müller, wir danken Ihnen für die ausführlichen Informationen!
Die Fragen stellte Alexander Saheb.

Nach oben